Die Schulter
Das Medizinspezial informiert dich zu Ursachen und Behandlung einer Schwimmerschulter sowie deren Vorbeugung
Durch den komplexen Bewegungsablauf bei den verschiedenen Schwimmdisziplinen, Kraul, Delphin, Rücken und Brust,
kann es durch Überlastung und falscher Technik schnell zu chronischen Schmerzzuständen in der Schulter kommen.
30-50% aller Leistungsschwimmer oder Triathleten geben an, schon mindestens einmal in ihrer Sportlerkarriere
unter den Folgen einer Schwimmerschulter gelitten zu haben.
Der Begriff Schwimmerschulter ist eigentlich keine korrekte medizinische Bezeichnung. Die Diagnose
Schwimmerschulter ist eher ein Sammelsurium von verschiedenen Verletzungen im Schulterbereich, die einzeln
oder in Kombination auftreten können.
Zum einen kann es durch eine falsche Technik und bei zu hohen Umfangssteigerungen zu einer Überlastung
bestimmter anatomischer Strukturen kommen, die sich dann schmerzhaft entzünden und zum anderen kann es durch
einseitiges Training und zu wenig ausgleichender Gymnastik und Dehnung zu muskulären Dysbalancen, also einem
Kraftungleichgewicht zwischen verschiedenen Muskelgruppen kommen. Auch eine Instabilität des Schultergelenks,
entstanden durch jahrelanges Training mit einer immer wiederkehrenden Aufdehnung der Schultergelenkkapsel, die
normalerweise den Oberarmkopf mit der Schultergelenkpfanne straff zusammenhält, kann zu belastungsabhängigen
Schmerzen führen.
Das Impingementsyndrom
Am häufigsten tritt das so genannte Impingementsyndrom der Schulter auf. Hierbei besonders betroffen sind die
Schwimmstile Kraulen und Delphin. Durch das andauernde maximale Heben (Abduktion) und Außendrehen (Außenrotation)
des Armes, wird der Schleimbeutel, der sich zwischen dem Oberarmkopf und dem Schulterdach (Acromion) befindet,
zusammen mit der Sehne des Supraspinatusmuskels, der den Arm ganz nach oben abduziert, leicht eingeklemmt.
Bei einer zu hohen Trainingskilometerzahl oder zu schnellen Umfangssteigerung in Kombination mit schlechter
Technik, kann sich der Schleimbeutel oder die Supraspinatussehne schmerzhaft entzünden. Auch verstärken
Belastungen mit übergroßen Paddles die klinische Symptomatik.
Nach Diagnosestellung stehen therapeutisch zunächst die Korrektur der Technik durch einen Trainer und die
Reduzierung des Trainingsumfanges im Vordergrund. Oft reicht auch schon das Einstellen des Paddleschwimmens
für einige Wochen. Grundsätzlich sollte das Paddleschwimmen nicht mehr als 20% des gesamten Trainingsumfanges
übersteigen und man sollte darauf achten, dass die Arbeitsgeräte nicht zu groß sind.
Muskuläre Dysbalancen
Die Ursache für das Entstehen von muskulären Dysbalancen liegt in dem typischen Bewegungsablauf des Kraul -
und Delphinstils. Wie oben schon erwähnt, wird der Arm am Ende der Streckphase erst maximal abduziert und
außenrotiert und folglich beim Zurückführen (Adduktion) in die Zugphase nach innen gedreht (Innenrotation).
Bei diesem Bewegungsablauf werden fast nur die Innenrotationsmuskeln, die Brustmuskulatur, wie z.B. der
Musculus pectoralis, trainiert. Die Gegenspieler, die Außenrotationsmuskeln am Rücken - und Schulterblatt,
der Musculus trapezius oder der hintere Anteil des Musculus deltoideus, verkümmern hingegen. Forciert wird
diese muskuläre Dysbalance noch durch das übliche Krafttraining an Geräten und mit langen Paddleschwimmserien,
welche die ohnehin schon kräftige Brustmuskulatur zusätzlich weiter auftrainieren. Ebenso verkürzen zunehmend
die Innenrotatoren und verstärken die Symptomatik der Dysbalance. Durch das Ungleichgewicht der Muskelkräfte
und die verkürzte Muskulatur, die oberhalb des Oberarmkopfs verläuft, gerät die Mechanik des Schultergelenks
aus den Fugen. Die Folge ist, dass der Oberarmkopf falsch im Gelenk geführt wird und nicht mehr zentriert in
der Schultergelenkspfanne läuft. Dadurch drückt er u.a. auch vermehrt gegen das Schulterdach und reizt den
Schleimbeutel und die Supraspinatussehne. Es kommt zu dem schon oben beschriebenen schmerzhaften
Impingementsyndrom.
Ausgleichsübungen
Zur Prävention von muskulären Dysbalancen empfiehlt es sich, mit zunehmenden Kilometerumfängen im Wasser auch
proportional den Zeitanteil an Gymnastik zur Aufdehnung der Brustmuskulatur anzuheben. Zusätzlich sollte eine
Kräftigung der Rückenmuskulatur und der Außenrotatoren in das tägliche Trainingsprogramm integriert werden.
Die Übungen zur Kräftigung der Außenrotatoren können mit einem Gummiband, auch als Theraband bekannt,
durchgeführt werden.
Chronische Instabilität
Schwieriger zu therapieren ist hingegen eine chronische Instabilität des Schultergelenkes. Die durch jahre -
und jahrzehntelanges Schwimmen entstandenen und vielleicht nicht konsequent therapierten muskulären Dysbalancen
führen zu einer Überdehnung der Schultergelenkskapsel mit ihren Bandanteilen (Ligamenta glenohumeralia).
Dadurch sitzt der Oberarmkopf nicht mehr stabil in der Schultergelenkspfanne, dehnt und verbraucht die
auf der Schultergelenkspfanne aufsitzende Knorpellippe (Labrum), die normalerweise den Oberarmkopf stabilisiert,
immer weiter. Das Labrum kann sogar einreißen oder abgeschert werden. Medizinisch spricht man dann von einer
SLAP - Läsion, die je nach Größe des Risses in mehrere Schweregrade eingeteilt werden kann. Beim Sportler
macht sich eine SLAP - Läsion in Form eines Schnappphänomens beim Bewegen der Schulter bemerkbar, das meist
auch mit Schmerzen einhergeht. Auch führt eine Instabilität zu dem schmerzhaften Impingementsyndrom des
Schultergelenks. Diagnostisch kann eine SLAP-Läsion durch eine klinische Untersuchung eines versierten
Mediziners erkannt werden. Allerdings sollte immer bei einem Verdacht der SLAP-Läsion zusätzlich auch eine
kernspintomographische Untersuchung erfolgen.
Therapeutisch wichtig bei der Diagnose der chronischen Instabilität mit einer SLAP - Läsion ist zunächst eine
gezielte sportphysiotherapeutische Behandlung in Kombination mit Muskelaufbautraining. Trainingspausen und
Änderung der Trainingsinhalte verstehen sich von selbst. Bei erfolgloser konservativer Therapie mit weiterer
Beschwerdepersistenz kann eigentlich nur noch ein operativer Eingriff helfen. Man kann arthroskopisch das
Labrum wieder stabilisieren und befestigen und auch die aufgedehnte Schultergelenkkapsel wieder straffen.
Einen solchen Eingriff sollte man aber nur in einem Spezialzentrum für Schulterarthroskopien von routinierten
Operateuren durchführen lassen.
Letztendlich ist es für die Diagnosestellung sehr wichtig, einen Orthopäden oder Sportmediziner zu konsultieren,
der sich mit dem Bewegungsablauf der verschiedenen Schwimmstile auskennt und zugleich sicher in der
Schulteruntersuchung ist. Auch sollte bei längeren Beschwerden unbedingt eine kernspintomographische
Untersuchung erfolgen, um eventuelle Fehldiagnosen zu vermeiden.
Zum Schluss noch folgender Tipp
Sollten während des Trainings erstmalig Schulterschmerzen auftreten, nicht versuchen, den Schmerz zu
ignorieren. Kurze Pause machen, die Muskulatur aufdehnen und locker mit einigen Technikübungen weiter machen.
Wenn der Schmerz nicht verschwindet, das Training abbrechen und einige Tage Pause machen. In der Pause
empfiehlt es sich, die oben angegebenen Übungen zu absolvieren um dann wieder mit geringen Umfängen und
geringer Intensität zu beginnen!
Hier zählt: Weniger ist mehr!
Quelle:Team Erdinger Alkoholfrei